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Forschungspreis zur Erforschung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden für Tierversuche

Das Land Rheinland-Pfalz fördert mit einem Forschungspreis die Erforschung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden für Tierversuche sowohl in der wissenschaftlichen Forschung als auch in der Lehre.
 

Experimente an Tieren sind durch verschiedene Rechtsvorschriften vorgeschrieben, u.a. im Rahmen von Prüfungen für die Anmeldung bzw. Zulassung von Stoffen oder Produkten wie z.B. Chemikalien, Arznei- oder Pflanzenschutzmitteln, zur Erforschung und Erprobung von Methoden zur Diagnostik, Prophylaxe oder Therapie von Krankheiten oder zur Erkennung bestimmter Umweltgefährdungen. In der biomedizinischen Forschung werden sie weiterhin zur Untersuchung biologischer Vorgänge z.B. im Zusammenhang mit der Entstehung von Krankheiten sowie mit Entwicklungs- und Regulationsmechanismen im Organismus durchgeführt.

Gegenwärtig kann auf eine Reihe von Tierversuchen nicht verzichtet werden. Ziel ist es jedoch, Tierversuche einzuschränken, zu ersetzen und soweit wie möglich entbehrlich zu machen.

Daher schreibt die Landesregierung einen Forschungspreis aus, der die Entwicklung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden entsprechend dem 3R- Prinzip von Russel und Burch (1959) zum Inhalt hat. Es sind mindestens eine der nachfolgenden drei Anforderungen zu erfüllen:

  • durch die Anwendung der Methode werden Tierversuche ersetzt ("Replacement");
  • die Zahl der Versuchstiere wird reduziert ("Reduction");
  • das Leiden und die Schmerzen der Versuchstiere werden vermindert ("Refinement").

Hierzu zählen auch Projekte, die bereits bestehende Ansätze aufgreifen und so fortentwickeln, dass sie in der Praxis breite Anwendung finden können (Prävalidierung oder Validierung).
Direkt bewerben können sich in Rheinland-Pfalz ansässige Forschungseinrichtungen, Unternehmen oder wissenschaftlich tätige Personen mit Projekten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit

  • eine tierversuchsfreie Methode,
  • eine wesentlich verringerte Anzahl von Versuchstieren oder
  • eine deutlich geringere Belastung von Versuchstieren

erreichen.


Bewerbungen aus anderen Bundesländern sind nicht ausgeschlossen. Vorschlagsberechtigt sind ferner das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz sowie Tierschutzorganisationen.

Das Preisgeld beträgt 20.000 EURO.

Der Preis wird alle 2 Jahre ausgeschrieben und kann ganz oder geteilt vergeben werden. Gehen keine geeigneten Beiträge ein, wird die Vergabe ausgesetzt.

Die Bewerbungen sollen eine ausführliche Beschreibung der neu entwickelten Methode und ihrer Eignung bzw. konkrete Ausführungen zur methodischen Fortentwicklung und Anwendung bestehender Ansätze enthalten. Sie sollen neueren Datums und veröffentlicht oder zur Veröffentlichung geeignet sein. Zusätzlich ist eine kurze Zusammenfassung und eine Begründung zur Bewerbung abzugeben, aus der die Bedeutung für den Tierschutz in Sinne der 3 R hervorgeht. Darüber hinaus ist eine kurze Vita des oder der Hauptautoren und falls vorhanden eine Publikationsliste beizufügen. Bereits mit einem Forschungs- oder Tierschutzpreis ausgezeichnete Arbeiten sind kenntlich zu machen.

Die Bewerbungen sind in elektronischer Form unter RP-Tier(at)mulewf.rlp.de einzureichen. Die Bewerbungsfrist für den Forschungspreis 2012 endet am 30.10.2012.

Die Preisvergabe durch die Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung Weinbau und Forsten erfolgt auf Vorschlag einer Fachjury. Sie setzt sich zusammen aus Vertreterinnen und Vertretern

  • der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ergänzungs- und Ersatzmethoden zur Tierversuch (ZEBET)
  • aus Wissenschaft und Forschung
  • des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten und diesem nachgeordneten Behörden
  • des Tierschutzbeirates des Landes
  • der beratenden Kommission nach § 15 TierSchG (Tierschutzkommission)

Ausgeschlossen von der Teilnahme sind Angehörige der Jury und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Anspruch auf Preisverleihung besteht nicht.

Auskunft erteilt das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten Rheinland-Pfalz, Kaiser-Friedrich Str. 1, 5516 Mainz, e-Mail: RPTier(at)mulewf.rlp.de oder Tel.: 06131-16-4415

Preisträger Forschungspreis 2010

Der Preis wurde vergeben an die Forschungsgruppe von Prof. Dr. Claus-Michael Lehr, Dr. Eva Maria Collnot, und Fransisca Leonard, des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) und der Universität des Saarlandes Fachrichtung Pharmazie, Biopharmazie und pharmazeutische Technologie.

Ausgezeichnet wurden sie für das Projekt „A 3-dimensional co-culture of enterocytes, monocytes and dendritic cells to model the inflamed intestinal mucosa in vitro“.

Die Jury hat ihre Entscheidung damit begründet, dass die Arbeit eine erfolgreiche Entwicklung eines Ko-Kulturmodells zur Simulation der entzündeten Darmschleimhaut für einen therapeutischen Ansatz darstellt. Da die Behandlung von Autoimmunkrankheiten  wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn bis heute lediglich in einer symptomatischen und häufig mit Nebenwirkungen belasteten Therapie besteht ist hier ein großer Forschungsbedarf begründet. Auf Grund der zu erwartenden steigenden Morbidität sowie des oftmals unbefriedigenden Therapieerfolgs ist auch in Zukunft mit einer breiten Palette von Stoffen zu rechnen, die auf Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet werden müssen.

Die bisher bei dieser Fragestellung durchgeführten Tierversuche sind stark belastend (Colitis, rektale Blutungen, Gewichtsverlust, hohe Mortalität) und sind – wie alle Tierversuche – wegen der Speciesunterschiede hinsichtlich der Übertragbarkeit der Versuchsergebnisse auf den Menschen von eingeschränkter Aussagekraft.

In dem Modell werden aus Spenderblut isolierte humane Makrophagen und dendritische Zellen in eine Kollagenschicht eingebaut und auf durchlässige Polycarbonat-Filtereinsätze aufgebracht; nach Aufbringen von weiteren humanen  epitheliale colorectale Adenocarcinomzellen erfolgt innerhalb von 3 Wochen ein stabiles intestinal-ähnliches Zellsystem. Nach Zugabe eines Zytokins wird auf diesem künstlichem Darmepithel eine Entzündungsreaktion ausgelöst. Das Aufbringen von Wirkstoffen und deren Formulierungen führt zu verschiedenen messbaren signifikanten Reaktionen (u.a. Ausschüttung proinflammatorischer Marker wie Interleukin-8, TNF alpha sowie verstärkte Mukusproduktion). Bisher gewonnene Ergebnisse wurden mit Ergebnissen aus Tierversuchen verglichen und bestätigen diesen erfolgversprechenden Ansatz.

Die Vorteile dieses dem Tierversuch vor geschalteten Systems liegen in der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse, kurzer Versuchsdauer und vor allem einer deutlichen Verringerung bei der Verwendung und Belastung von Versuchstieren. Das mit Zellen humanen Ursprungs arbeitende Modell schafft die Voraussetzungen belastende Tierversuche mittelfristig zu ersetzen.

Das Ko-Kulturmodell kann zu einer Verringerung der Zahl der ansonsten für Screeningverfahren für Therapeutika und rechtlich vorgeschriebenen Prüfungen benötigten Versuchstieren beitragen. Die Ko-Kultivierung von Zellen ist ein zukunftsträchtiges Modell. Da auch ein Vergleich mit Ergebnissen aus Tierversuchen erfolgte, ist eine Weiterverfolgung des Ansatzes durch die etablierte Arbeitsgruppe wahrscheinlich und erfolgversprechend.

 

Preisträger Forschungspreis 2008

Der Preis wurde vergeben an die Forschungsgruppe Dr. rer. nat. Christine Pohl, Dr. Maria Iris Hermanns und Prof. Dr. C. James Kirkpatrick vom Klinikum der Johannes Gutenberg Universität Mainz, Institut für Pathologie.

Ausgezeichnet wurden sie für das Projekt - Ko-Kulturmodelle des distalen und proximalen respiratorischen Systems zur Untersuchung lungentoxischer Fremdstoffe.

Die Jury hat ihre Entscheidung damit begründet, dass das Projekt der Einführung und Verbesserung eines tierversuchsfreien Testsystems zur Untersuchung der Einwirkungen von Fremdstoffen auf den Atmungstrakt dient. Hierbei werden weder Tiere noch Zellen von Tieren verwendet, sondern Zellen menschlicher Herkunft zur Abbildung des Bronchial- und Alveolarepithels.

Angesichts der großen Zahl zu testender Chemikalien, kosmetischer Grundstoffe und  Arzneimittel kommt dieser Ersatzmethode zum Tierversuch eine große Bedeutung insbesondere bei inhalativer Exposition zu. Die Verwendung humaner Zellen gestattet eine bessere Vorhersage für Toxizität und Metabolismus von Stoffen im bzw. auf den menschlichen Organismus, als dies bei der Verwendung von Tierzellen der Fall wäre.

Die Ko-Kulturmodelle sind bereits als Screeningmethode verwendbar und können somit schon heute Tiere einsparen. Dieses in vitro Verfahren zur Ermittlung der Toxizität bei luftgetragener Exposition bietet zudem ein hohes Potential, validiert und behördlich anerkannt zu werden. Die hierfür notwendige Prävaliderung des Modells wird zurzeit durchgeführt und es lässt sich durch den Einsatz herkömmlicher Transwelltechnologie hervorragend mit existierenden, dynamischen Expositionssystemen für ?air-liquid-interface (ALI)? Kulturen kombinieren. In Anbetracht der  Chemikaliengesetzgebung (REACH) und des Verbots der Testung von Kosmetika im Tierversuch, das 2009 und 2013 umgesetzt wird, verdient das entwickelte Ko-Kulturmodell besondere Aufmerksamkeit.
 

Preisträger des Forschungspreises 2006

Der Preis wurde an  Dr. Harald Langer vergeben, der an der Medizinischen Klinik der Universität Tübingen tätig war und zwischenzeitlich am National Cancer Institute in Bethesda/USA arbeitet.

Ausgezeichnet wurde seine Arbeit  - Etablierung eines in vitro Flusskammermodells zum Ersatz von vaskulären in vivo Modellen. 

Die Jury hat ihre Entscheidung damit begründet, dass das Projekt von Herrn Dr. Langer ein in vitro-Modell etabliert, das unter Verwendung humaner Endothelzellen wesentliche Defizite der derzeitigen Endothelzellforschung kompensiert. Das Fehlen der physiologischen Scherkräfte, denen jede Endothelzelle im menschlichen Organismus ausgesetzt ist, wird in vitro initiert. Die Forschung der vergangenen Jahre hat gezeigt, das Endothelzellen, die diesen Scherkräften nicht ausgesetzt sind, sich wesentlich anders verhalten als ihre Korrelate in vivo. Herr Dr. Langer gelingt es nunmehr ein in vitro-Modell zu etablieren, das Endothelzellen unter dem Einfluss von Scherkräften wachsen und ?funktionieren? lässt.

Publiziert wurden seine Untersuchungen u.a.  in Thromb Haemost "ADAM15 is an adhesion receptor for platelet GPIIb-IIIa and induces platelet activation" im Jahr 2005 und Circulation Research "Adherent Platelets Recruit and Induce Differentiation of Murine Embryonic Endothelial Progenitor Cells to Mature Endothelial Cells In Vitro"im Jahr 2006.